Aargauer Zeitung / Eva Bucher
Flamencos en route brillieren in Königsfelden mit "caleidoscopio". Die Produktion ist der zweite Teil der Trilogie "Tanz & Kunst Königsfelden".
Kaum betritt das Publikum beim Eindunkeln die Klosterkirche Königsfelden, findet es sich in einer andern Welt. Die Skulpturen von Gillian White stehen wie fremde Säulen im Kirchenschiff und verwandeln sich im Verlaufe des Abends scheinbar in Bäume, exotische Pflanzen oder unbekannte Gestalten. Die Atmosphäre in der Kirche ist von einer ruhigen Sinnlichkeit durchdrungen, wie in einem Geheimnisvollen Zaubergarten.
"caleidoscopio" heisst die Produktion der Tanzcompagnie Flamencos en route aus Baden. Der Titel bezieht sich auf den griechischen Begriff "schöne Formen sehen" – und das tut das Publikum an diesem Abend unaufhörlich. Die Choreografie der Leiterin und Gründerin der Tanzkompanie, Brigitta Luisa Merki, hat ein Kaleidoskop von Dialogen zwischen Tanz, Raum, Skulptur und Musik geschaffen, wie es schöner und spannungsreicher kaum sein könnte. Mit jedem Schritt und Klang erblüht eine Art dynamisches Labyrinth von Empfindungen, Kräften und Fantasien. Und auch die Lichtgestaltung (Veit Kälin) macht das Kirchenschiff zu einer sich endlos wandelnden Landschaft.
Wie die sechs hervorragenden Tänzerinnen und Tänzer zunächst wie faunähnliche Wesen aufeinandertreffen, um sich schliesslich als Männer und Frauen gegenseitig zu suchen und zu umwerben, zeigt faszinierende Facetten von sich gegenseitig inspirierenden Begegnungen. Im expressiven dichten Bewegungsspiel, das Flamencoschritte mit zeitgenössischem Tanz verbindet, entsteht ein kraftvoller, wunderbar dichter und weit schwingender Dialog der inneren und äusseren Impulse. Der expressive Gesang von Nieves Díaz und Karima Nayt füllt den Raum mit glühenden, poetischen Landschaften und scheint den Tanz anzutreiben oder zu kommentieren. Die beiden Gitarristen Pablo García und Juan Gomez und die Perkussionisten Fredrik Gille und Karo Sampela bieten dazu einen einnehmenden Rhythmus, der vorwärtsdrängt, ohne den Tanz und den Gesang in deren Nuancen zu stören oder überrennen.
Wie sich Tanz, Musik und Raum fortlaufend ruhig und präzise ineinanderweben, hat eine sogähnliche Wirkung, die man so schnell nicht vergisst. Der Choreografin Brigitta Luisa Merki ist das Kunststück geglückt, strukturierte Form und freie Dynamik, explosive Ausdruckskraft und ruhige Innerlichkeit sicher und spannungsgeladen auszubalancieren. Dabei entsteht ein Gleichgewicht der Kräfte, das zuweilen den Eindruck entstehen lässt, das Kirchenschiff würde abheben und als würden Tanz und Musik sich in einen unendlichen Raum ausdehnen.
Die Tänzerinnen und Tänzer (Carmen Iglesias, Raquel Lamadrid, Karima Nayt, Marta Roverato, Eloy Aguilar, Fran Bas, José Merino) zeigen dabei eine brillante Ausdruckskraft, die immer wieder auch in Solos zum Tragen kommt. Vor allem das Solo von Eloy Aguilar scheint alle Kräfte des Flamencos und des Tanzes überhaupt auszudrücken und dabei gleichzeitig neu zu erfinden.
Mit "caleidoscopio" ist Brigitta Luisa Merki und ihrer Kompanie ein Meisterwerk geglückt. Seit 25 Jahren verbindet die Tänzerin und Choreografin, die 2004 mit dem höchsten Schweizer Theaterpreis, dem Hans-Reinhart-Ring, ausgezeichnet wurde, die Sprache des Flamencos mit verschiedenen Kunstformen. Jetzt scheint sie auf dem Weg "en route", in der Auseinandersetzung mit den Kräften kreativen Schaffens, eine besonders wichtige, höchst eindrückliche Station erreicht zu haben.