el canto nómada: Andando se hace camino – im Gehen entsteht ein Weg
Ziehende Landschaft
Man muss weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.
Man muss den Atem anhalten,
bis der Wind nachlässt
und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau,
die alten Muster zeigt
und wir zuhause sind,
wo es auch sei,
und niedersitzen können und uns anlehnen,
als sei es an das Grab
unserer Mutter
„Das oben zitierte Gedicht von Hilde Domin begleitete mich wie ein Leitfaden durch meine choreografische Arbeit.“
— Brigitta Luisa Merki
Das Nomadisieren ist zur Modellsituation im Leben vieler Menschen geworden. Es gibt die freiwilligen, nach Veränderung und kultureller Beweglichkeit suchenden Wanderer und die unfreiwilligen, zum Aufbruch oder zur Flucht gezwungenen Nomaden. Die Letzteren sind extremen Grenzsituationen ausgesetzt, die ihre höchste Kraft und Lebensintensität erfordern, um ihren Weg zu gehen. Ihre beschwerliche Wanderung gilt einem Ort der Zuversicht und Unverletzlichkeit. Es ist die Idee des immer möglichen Neuanfangs, der sie wie ein Leitmotiv auf ihrem Pfad weiterführt.
‚el canto nómada‘, unser Nomadenlied, verleiht die Stimmen jenen ins Exil gezwungenen Nomaden, deren widersprüchlicher Zustand die Lyrikerin Hilde Domin, selbst Nomadin, in ihrem Gedicht ‚Ziehende Landschaft‘ zitiert.
Es ist die Stimme, die den Mut zum Weggehen und zur Veränderung ohne Verlust der eigenen Identität fordert. Ein Weitergehen, ohne den Boden unter den Füssen zu verlieren. ‚el canto nómada‘ ist eine Annäherung an die Welt derer, die unterwegs sind, dabei existenziellen Gefahren ausgesetzt sind und sich dennoch immer vorwärts bewegen.
Eine unerklärliche Kraft, ein gemeinsamer Rhythmus zwingt hier eine Gruppe von Frauen, ihren Weg ins Ungewisse unbeirrt fortzusetzen. Sie besitzen nichts Festes. Ihre Habe ist auch ihre Hülle und ihr Schutz. Nur das Notwendigste auf sich tragend, trotzen sie dem Schicksal jeden Funken Leben ab. Ihr ‚Tanz vom Heute zum Morgen‘ ist Ausdruck intensivster Wahrnehmung des Augenblickes und Überwindung der Lebensangst.
Eine Lebensqualität, die dem Flamenco in seiner Ursprünglichkeit entspricht. Der Flamenco ist in seiner Essenz ein Nomadengesang. Das Nomadenhafte als charakteristischer Wesenszug liegt in seiner Geschichte der steten Bewegung und Veränderung begründet. Der Flamenco hat Völkerwanderungen, Rassendiskriminierungen und Kriege überlebt und Fremdes und Neues assimiliert.