Der Bund / Marianne Mühlemann
Betörendes Gesamtkunstwerk: Flamencos en route zeigt mírame! in der Dampfzentrale
Flamencos en route ist eine singuläre Erscheinung in der Tanzlandschaft Schweiz. Dies beweist die Gruppe auch mit ihrem jüngsten Projekt, in dem der künstlerische Balanceakt zwischen Tanz, Live-Musik und Wort perfekt gelingt.
Die Bühne leuchtet in kühlem Blau. So stellt man sich magische Orte vor, die die intime Zweisamkeit des Verbotenen anziehen. Von ferne flüstern Stimmen. Es raschelt aus dem Dunkeln: Drei Frauen gleiten in langen Taftröcken in das geheimnisvolle Geviert, das im Hintergrund von vier mobilen transparenten Leinwänden begrenzt wird. Die Tänzerinnen scheinen zu fliegen. Ihre unsichtbaren Füsse trippeln so schnell unter den langen Stoffhüllen in die erdig-gedämpften Farben, dass die Körper, die sie tragen zu schweben scheinen. Sie tanzen Kreise, Schlaufen, grosse Bogen, halten dabei die Handflächen vor den Augen, als ob sie läsen. Worte, Sätze, Gedichte: Sie werden im Lauf des anderthalbstündigen Stückes eine eigene physische Dynamik entwickeln.
"¡mírame! - Schau mich an" heisst der Abend. Den zahlreichen Zuschauern in der Dampfzentrale muss man das nicht zweimal sagen. Sie schauen und hören und staunen. Die drei Tänzerinnen biegen ihre Körper zur Erde, streichen den Boden mit den Händen, als ob sie Erde sammeln, in der später die Wörter und Sätze Wurzeln schlagen, die Andreas Neeser, der Schriftsteller und Leiter des Aargauer Literaturhauses, geschrieben hat. Seine kurzen Gedichte werden in den Raum projiziert, auf die Wände und die tanzenden Körper. Und von den Sängerinnen (Nieves Díaz, Keiko Ooka) in rauhen expressiven Flamencogesängen auf Spanisch zum Blühen gebracht.
Polyrhythmisches Gewitter
„Ich breche die Lettern aus Stein und nehme Gestalt an“: Die Worte wölben sich als lichthelle Reliefschrift vor die Leinwand. Und wie die Worte brechen im Raum die Gefühle hervor. Die Szene erhitzt sich, ohne je in ein unkontrolliertes Pathos zu kippen. Die Tänzerinnen (Raquel Lamadrid, Rocío Montoya, Marta Roverato) drehen sich und die Welt sich um sie. Drei Männer (Eloy Aguilar, Fran Bas, José Merino) stehen plötzlich im Raum. Sie tragen hoch geschlitzte braune Gehröcke mit farbigem Innenfutter. In den Händen halten sie mannshohe Stöcke. Ihr akzentuiertes Klopfen vermischt sich mit den dumpfen Zapateados der Absätze und den Wirbeln des Perkussionisten (Karo Sampela). Das polyrhythmische Gewitter ist atemberaubend, unerbittlich. Herb, kantig, forsch und perfekt im Timing gelingen die tänzerischen Soli, präzise und eindringlich die Dialoge, die die Tänzer anzetteln: Dialoge mit der Musik, mit den Sängerinnen, mit den Gedichten – und den Tänzerinnen. Eine kleine elektrisierende Berührung genügt, um das Klagen der Gitarren (Pablo García, Juan Gomez) zu entfachen. Und die Leidenschaft.
Eine der Stärken der Choreografin Brigitta Luisa Merki ist die Wahrhaftigkeit des persönlichen Ausdrucks. Sie beherrscht die Grammatik, die Syntax des reinen Flamencos und weiss ihn weiterzuführen in eine moderne, zeitgemässe Kunstform jenseits von Klischee und folkloristischem Kitsch. Sie nimmt Tänzer und Musiker ernst und führt sie gleichberechtigt und gleichwertig in den Mittelpunkt ihrer atmosphärisch dichten Tanztheaterstücke. Diese menschliche Haltung führt zu aussergewöhnlichen künstlerischen Resultaten.
Geschliffenes Juwel
"¡mírame!“ ist ein geschliffenes Juwel. Seine Kraft liegt in der entrückten Sinnlichkeit, dem Engagement der Solisten. In der Spannung zwischen Virtuosität und Schlichtheit. Irgendwann verschieben sich die Paravents wie Segelschiffe im Wind, bilden Korridore, Labyrinthe und Grenzen, die nicht nur räumlich, sondern bald auch menschlich zu begreifen sind. Getrennt durch eine Wand tanzen zwei Verliebte ihre brennende Sehnsucht. Sie sehen sich nicht und zeigen dennoch das gleiche Timing, dieselbe Ruhelosigkeit, die gleichen spiegelbildlichen Armführungen: Berauschend!
Mit dem jüngsten Stück behaupten Flamencos en route ihre singuläre Erscheinung in der Schweizer Tanzlandschaft. Seit 24 Jahren sucht die Kompanie unermüdlich und mit hohem künstlerischem Anspruch nach einer innovativen und eigenständigen Tanzsprache, die in der Tradition des Flamenco wurzelt. Und hat Erfolg. Das Ensemble ist aus Kursen der heute 93-jährigen Berner Flamencotänzerin Susana und des Musikers und Komponisten Antonio Robledo entsprungen. Seit Mitte der 1990-er Jahre wird es geprägt durch die Handschrift der Tänzerin und Choreografin Brigitta Luisa Merki, die mit ihren jährlichen Produktionen im In- und Ausland grosse Anerkennung geniesst. 2004 wurde Flamencos en route mit dem Hans-Reinhardt-Ring ausgezeichnet, der höchsten Auszeichnung im Theaterleben der Schweiz. Die renommierte Aargauer Tanzgruppe hat mit „resonancias“ vor einem Jahr bei Tanz & Kunst Königsfelden den ersten Teil einer Trilogie präsentiert. Aus der Produktion und Weiterentwicklung des Werkstattprojektes „a solas y a dos“ ist nun "¡mírame! entstanden. Ein betörend sinnliches Gesamtkunstwerk.