Der Bund / Marianne Mühlemann
30Jahre Flamencos en route: Wieso ist die preisgekrönte Schweizer Tanzcompagnie kaum an den zeitgenössischen Festivals vertreten? Ein Gespräch mit der künstlerischen Leiterin Brigitta Luisa Merki
Beim Stichwort Flamenco denkt der Laie an klackernde Absätze, Pathos, wilde Armbewegungen. Was bedeutet Flamenco für Sie?
Diese Äusserlichkeiten haben mich nie interessiert. Flamenco ist eine komplexe Kunstform, die auf professioneller Ebene kontinuierlich mit dem Zeitgeist geht. Neben tänzerischem Handwerk verlangt sie individuelle Ausdruckskraft und Musikalität.
Worum geht es in dieser Kunst?
Im Wesentlichen um den Dialog zwischen Tänzern und Musikern. Als Flamencotänzerin ist man auch Musikerin. Man greift mit dem Schrittmaterial perkussiv in die Musik ein, man ist beteiligt an der musikalischen Komposition. Das rhythmische Gefüge hat sich in den letzten dreissig Jahren enorm entwickelt und wird immer komplexer.
Heisst das, es gibt gar keinen authentischen Flamenco?
Doch, authentisch bedeutet für mich wahrhaftig und lebendig im Zeitgeist. Die Flamencokunst hat viele Formen und ist ein Katalysator. Sie wird von afrikanischen und arabischen Rhythmen ebenso beeinflusst wie vom Streetdance. Weil die musikalischen stets mit inneren Rhythmen korrespondieren, verändert sich auch die tänzerische Darstellung. Seit 2010 gehört der Flamenco zum immateriellen Kulturerbe, das sich gerade dadurch definiert, dass es in steter Wandlung begriffen ist.
Aber es gibt FlamencoKitsch.
Den haben ihm die Spanier selber angetan. Während der Franco-Diktatur wurde alles Spanische als Flamenco verkauft. Doch die Rüschenkleider und Blumen stammen eigentlich aus der andalusischen Folklore. Sie sind beliebt und verbreitet an den Volksfesten wie etwa der Feria de Abril in Sevilla. Dort passt dieser Überschwang wunderbar. Mit Flamenco hat das aber nichts zu tun. Durch solche Bilder gerät oft in Vergessenheit, dass der Flamenco auf sehr kargem Boden gewachsen ist.
Kommerz und Tourismus haben die ursprüngliche Kunst vereinnahmt?
Ja, das hat sein Image bis heute beschädigt. Susana, die 2010 verstorbene legendäre Berner Tänzerin und Mitbegründerin von Flamencos en route, hat es perfekt verstanden, den Flamenco als Bühnenkunst zu emanzipieren und vom Kitsch zu befreien. Auf Susanas Spuren gehen wir weiter.
In welcher Art?
Ich habe in meinen choreografischen Werken mit deutschsprachigen Schriftstellern, klassischen Sängern, mit Interpreten aus der Neuen Musik und dem arabischen Raum, Künstlerinnen und Künstlern der visuellen Künste zusammengearbeitet und in der Reibung des Flamencos mit andern Künsten neue Ausdrucksformen erkundet.
Seit 30 Jahren ist Ihre Compagnie in Baden beheimatet. Wird Ihre Arbeit in Spanien wahrgenommen?
Ja, in Flamencokreisen kennt man uns gut. Wir wurden verschiedentlich in der spanischen Tanzpresse besprochen von Kritikern, die aus Spanien anreisten, um unsere Werke hier zu sehen. Immer wieder flattern mir Bewerbungen von spanischen Tänzern auf den Tisch, die bei uns arbeiten möchten. Im Moment ist es schwierig, an Festivals eingeladen zu werden. Die Kulturgelder sind sehr knapp in Spanien, und es gibt viele gute Gruppen dort, die ums Überleben kämpfen.
Ihre Tanzcompagnie erntet in Publikums- und Fachkreisen höchstes Lob. Dennoch sind Flamencos en route kaum an den zeitgenössischen Festivals der Schweiz vertreten. Wieso?
Flamenco gilt nicht als Tanzsprache wie das klassische Ballett oder der zeitgenössische Tanz. Für mich unerklärlich! Tanz ist ein universelles Ausdrucksmittel; unsere Tanzform baut lediglich auf einer andern Grammatik auf. Handwerklich und künstlerisch steht der Flamenco ebenbürtig da.
Was ist das Problem?
Die Qualität scheint für viele Veranstalter nicht relevant zu sein. Flamenco passe nicht ins Konzept, heisst es. Die Intendanten berufen sich meistens auf ihr zeitgenössisches Profil. Die Realität ist: Die Tanzprogramme ähneln sich, sind einseitig und
einem kleinen Publikum vorbehalten. Ich empfinde diese Einschränkung als problematisch und nicht sehr zeitgenössisch im Geiste. Die Theater müssten ihren Auftrag für den Tanz weitreichender erfüllen. Der künstlerische Dialog fern von Trends und Business ist schwierig geworden.
Flamencos en route konnten sich trotzdem ein solides künstlerisches Fundament schaffen. Wie sieht es finanziell aus?
Wir sind subventioniert vom Kuratorium des Kantons Aargau, dem Kanton Aargau und der Stadt Baden und erhalten produktionsbezogene Unterstützungsbeiträge. Die Gagen der Künstler sind den Richtlinien der in der Schweiz festgelegten Löhne für Tänzer in der freien Szene angepasst. Doch die finanzielle Situation für Freischaffende hat sich in all den Jahren nicht entspannt. Die Gagen bewegen sich immer noch in der Höhe wie vor 30 Jahren.
Zeigen Sie deshalb «paso por paso» im kleinen Tojo der Reitschule anstatt in der Dampfzentrale?
Nein, dieses Programm eignet sich explizit gut fürs Tojo, da es auch auf kleinen Bühnen gespielt werden kann. Hingegen können wir unsere grossen Choreografien seit Jahren nicht in der Dampfzentrale zeigen. Die Zürcher Gessnerallee ist uns verwehrt, und auch im Basler Roxy, wo wir jahrelang ein grosses Publikum aufgebaut haben, stehen wir an. Neuausrichtung, heisst es auch da.
Was können Sie tun?
Hoffen, dass einmal durchbricht, dass der Mensch kein einseitiges Wesen ist und sich von unterschiedlichen künstlerischen Kreationen inspirieren lässt, dass Andersartigkeit in der Kunst den Dialog anregt. Persönlich kann ich nichts tun, ausser mich noch vertiefter auf das Wesentliche in meiner Arbeit zu konzentrieren. Ich bin Künstlerin und Choreografin und trage als Direktorin Verantwortung für meine Tanzcompagnie. Deshalb konzentriere ich mich auf meine Hauptaufgabe, neue Stücke zu kreieren und dafür zu sorgen, dass wir sie zeigen können. Wo auch immer.
Wo proben Sie?
Seit 1987 ist unsere 12-köpfige Künstlertruppe in einem Fabrikgelände in Baden eingemietet; ohne dieses würden wir nicht überleben. Es ist eine einfache Nische, in der ich kreativ sein kann. Wir halten unseren personellen Überbau und die Infrastruktur so klein wie möglich. Vieles in Administration, Technik, Betreuung der Compagnie und Kunst haben wir in den letzten 30 Jahren zu zweit gestemmt.
Ihre Musiker und Tänzer kommen aus der ganzen Welt. Wo leben sie während der Proben?
Wir bewohnen alle zusammen ein Haus, das wir von der Stadt Baden gemietet haben. Es war ursprünglich das Obdachlosenheim. Mit einfachen Mitteln versuchen wir, den angereisten Künstlern die Zeit in der Schweiz so angenehm wie möglich zu machen.
Sie bewahren in Kopf und Körper die Stücke von Flamencos en route. Denken Sie gelegentlich daran, wie es dereinst mit dem Repertoire und der Gruppe weitergeht?
Nein. Ich lebe ganz in der Gegenwart. Aber ich gebe zu, es gab schon mal eine Nacht, wo mir ein Gedanke an die Zukunft den Schlaf geraubt hat.
Was ist die Idee hinter «paso por paso», Ihrem jüngsten Stück?
Es ist ein Prolog zum Jubiläum 30 Jahre Flamencos en route. Wir besinnen uns auf die ursprüngliche Form des Flamenco, auf überliefertes Schritt- und Klangmaterial. «paso por paso» - Schritt für Schritt - ist auch das Leitmotiv für die Arbeitsweise von Flamencos en route.
Und die Jubiläumssaison?
Die Jubiläumssaison unter dem Titel «... y que mas!» («was sonst!») beinhaltet verschiedene Produktionen. Wir starten im Kanton Aargau, danach gehen wir auf Tournee. Und 2015 erarbeiten wir beim Ballett am Rhein in Düsseldorf eine neue Kreation.